1-800-987-654 admin@total.com

Without you I´m nothing

Gedanken zum „Musical“ im Rahmen von „720 Stunden“

von Peter Stamer

Die Schönheit von Gruppenprozessen: was ich nicht weiß, weiß der andere – auch nicht. Also begeben wir uns auf den Weg. Von zweien, dreien, allen, die auszogen um zu lernen.

Without you I am nothing. 

Ohne Dich bin ich nichts. Die Auslöschung, die gänzliche Auslöschung des Individuums, des Unteilbaren. Aber das Ohne-Dich ist ja doch eine Anwesenheit, keine Anwesenheit von Nichts, sondern von etwas. Korrekt müsste es heißen: Ohne Ohne-Dich bin ich nichts. Denn die einfache Negation von Du und Nicht-Du ist lediglich ein Sprachspiel. Dieses Ohne ist gleichwohl etwas, denn wie sonst, ohne das Ohne, könnte dieses Ohne nichts sein? Ein ohne-etwas ist gleichwohl ein etwas, nicht einmal ein weniger-als-etwas, sondern ein anderes-etwas. Lediglich eine Vertauschung der Vorzeichen.

With you I am something. 

Mit Dir bin ich etwas. Die alte mathematische Formel, das ein Plus auch ein Mehr bedeutet. Nur nicht im Ästhetischen. Da ist das Minus ein Mehrwert, das Minus von etwas, das kein Mangel ist. Ohne-Mit-Dir bin ich etwas, auch. Denn selbst wenn Du fehlst, bist Du da, und wenn Du da bist, fehlst Du. Das ist das Fehlen der Anwesenheit, die Anwesenheit des Fehlens.

Together we are everything. 

Zusammen sind wir alles. Das euphorisierte Missverständnis der Massen. Denn es müsste richtig heißen: zusammen sind wir nichts. Nur dieses Nichts lässt uns zusammen sein. Dieses Nichts ist der Grund, warum wir zusammen sind. Dieses Nichts ist die Liebe zueinander, die nie ‚etwas‘ sein kann, sondern immer ‚nichts‘ sein muss, fast kategorisch. Man müsste ein Buch schreiben: Das Nichts der Liebe – weil uns dieses Nichts Angst macht. Horror vacui. Zusammensein auf der Bühne spricht, glaube ich, von diesem Problem. Die spannendesten, mit Spannung versehenen Momente auf der Bühne waren/sind immer jene der Suspension, der Aufschub des with-you und der togetherness, wenn die Performer denn das Ohne ausgehalten haben, ohne zu glauben, dass sie dann nichts, im Nichts sind. In diesem Nichts zeigt sich die Liebe des Performers zu sich selbst – ohne sich selbst.


Remember September. Ein Versuch über die Vergangenheit im Jetzt. Musik ist die Vergegenwärtigung von Zeit als materiellem Klang; erinnerte Musik ist Kontemplation des Vergangenen. Kommende Musik ist die Erinnerung des schon Gehörten, im Gewand des Unerhörten. Eine akustisch gewendete Madeleine.

Sich immer vor dem Moment aufhalten, jenem Moment ohne den Moment, jenem Moment des zu Kommenden, etwas Unkalkulierbarem, die Schaffung einer Suspension, eines Aufschubs (und damit von suspense, Spannung), das wäre die Aufgabe des Performers, der gleichzeitig jeden Plan aufgeben muss. Denn die Spekulation auf den anderen heißt auch, ihn vorherzusagen und dann von ihm ein Bild zu determinieren: ich weiß, was Du letzten Sommer oder gestern getan hast, ich weiß daher, was Du jetzt gleich tun wirst. Kurz, ganz kurz vor diesem Moment, ein Augenaufschlag wie jener des Dirigenten, der seiner Zeit immer einen Tick, einen Dirigentenstab voraus ist, kaum merklich, kaum etwas, aber nicht nichts. Das wäre in Kontemplation verwandelte Erwartung. Die Erinnerung des Jetzt. Ein “Score” ohne einen Score. Wolken ohne Wolken. Unmöglich, wieder einmal.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.